
Quelle: ZDF
Es war eine sehr beeindruckende und wichtige TV-Triologie im ZDF. “Unsere Mütter, unsere Väter” hat den mörderischen und grauenhaften Alltag Generation, die wir nur als unsere liebevollen Großeltern kennen beleuchtet. Eine Generation, die mit ähnlichen Träumen ins Erwachsensein gestartet ist. Erfahrungen des ZDF-Dreiteilers und Erzählungen meines beliebten Großvaters haben mich auf die Idee eines Experiments gebracht. Eines Großvaters der als sehr gläubiger und praktizierender Chris den Spagat als Wehrmachtsoffizier an der russischen Front erleben musste, spät über den Krieg mit mir sprach und bis tief in die 90iger Lebensjahre nachts unter posttraumatischen Belastungsstörungen litt. Ein Experiment, in dem ich Parallelen meines jetzigen Lebens mit der damaligen Generation zeichnen möchte: Wie hätte ich das Damals empfunden und erlebt.
Genervt vom kalten Wetter
Es ist schon tiefer März und ich werde nicht müde mich über das kalte Wetter hier in Bamberg zu beklagen: 20 cm Schnee, 0 Grad Celcius. All das in Einer beheizte Wohnung mit Ledersofa und kuscheliger Decke, Blick auf den großformatigen LED Fernseher. Dazu modernste warme Winterkleidung. Blicke ich an mir herunter, dann sticht mir das weiß-rot-blaue Tommy Hilfiker-Logo ins Auge. In der Kaffeemaschine rödelt wärmender Chai-Latte-Tee aus Kapseln vor sich hin und ich freue mich auf Janinas warme Mahlzeit aus der Jamie-Oliver-App.
Schnee, immer wieder dieser verdammte Schnee, dabei hat der Staatsführer ja verlauten lassen, dass wir Weihnachten wieder zuhause wären. Jetzt ist schon tiefer März und um die drei Meter Schnee. Die dünnen grauen Feldjacke ist ein blanker Hohn bei Väterchens Frost -30 Grad da draußen. Eingegraben liegen wir in einem dreckigen Erdbunker tief in den Weiten Russlands. Ich schaue in leere Gesichter, manche bereits durch Erfrierungen gekennzeichnet. Wenn ich den Anblick nicht mehr ertragen kann fällt mein Blick auf das rot-weiß-schwarzes Eisernes Kreuz 1. Klasse Stoffemblem an meiner Uniform. Wir schmelzen Schnee um überhaupt etwas zu Trinken zu haben und nehmen den einheimischen Bauern ihre letzten Hühner oder erlegen kleine Waldtiere vor lauter Hunger.
Nachtleben mit Freunden
Es ist Nacht über Bamberg. In der romantischen Innenstadt treffen ich mich mit Sanna, Rainer, Olli und Steffen in der Soda-Bar, über deren Eingang eine helle Laterne Licht spendet. Zu hämmernden Beats bestellen wir russischen Wodka, ein echter Angriff auf die Geschmacksnerven. Mein Smartphone macht sich bemerkbar. Janina, meine Freundin, ruft an. Ein aktuelles Bild in 16 Mio. Farben wird im Display angezeigt und wir freuen uns auf das Wiedersehen später. Es entbrennt eine Diskussion um die aktuelle Mobile-Technik. Wäre es nicht Zeit, nach gut einem haben Jahr auf ein modernes Modell zu wechseln?. Steffen referiert welch gutes Standbein doch die Zahnmedizin sei, Sanna kritisiert die Europapolitik der der Bundesregierung. Dabei müssen wir uns ob der Lautstärke schon fast anschreien und ein Wort zu verstehen. Zum Abschied herze ich alle nochmals und mache mich auf den Nachhauseweg.
Es ist stockdunkel, die Nacht ist über einer belangloses Stadt tief im russischen Hinterland hereingebrochen. Kaum ein Stein steht mehr auf den anderen, die einzige Beleuchtung kommt von einer Leuchtrakete, die den bevorstehenden Angriff des Ivan ankündigt. Ich schaue erst durch den Feldstecher und dann noch einmal auf ein vergilbtes Schwarzweissfoto meiner Liebsten und mir schießt unweigerlich der Gedanken durch den Kopf, ob ich sie jemals wiedersehen werde. Ohrenbetäubender Lärm, wir stehen unter schwerem Beschuß. Dröhnender Detonationslärm wird durch lautes Schreien von Befehlen und Schmerzenschreien heraus unterbrochen. Die alte russische Technik funktioniert tadellos und ich verfluchte diese T-34 Panzer. Ich muss ansehen, wie ein Kugel Olli mitten ins Herz trifft. Er fällt einfach um, eine lange Freundschaft ist einfach so zu Ende. In irgendeiner verdammten russischen Hausruine, tausende Kilometer davon entfernt, wo sie begann. Ich wünsche, ich könnte meinen Gefühlen freien Lauf lassen. Noch eine letzten Umarmung, aber der Krieg hat mich verändert und abstumpfen lassen. Ich denke kurz an die sorgenlose Friedenszeit in unserer Eckkneipe zurück. Olli ist tot, Steffen hatte es vorherigen Monat ein Bein zerfetzt. Von Sanna und Rainer fehlt jeder Spur, seit dem sie nach Kritik gegen den Deutschen Eroberungsfeldzug in Europa von der Gestapo geholt wurden. Ich feuere eine Salve nach der anderen auf die anstürmende Russen ab und blende aus, dass auch diese Menschen in den braunen Uniformen Familien und Freunde haben, die um sie weinen und sie nie mehr wiedersehen werden. Danach folge ich dem Befehl zum Rückzug.
Arztserien und Urlaubsplanung
Mittwoch Abend, meine Freundin Janina schaut Arztserien: Grey, Private Practise. Anschließend schalten wir das Radio für ein wenig Musik an und tauschen uns über den Arbeitsalltag aus und beginnen einen Diskussion um den gemeinsamen Urlaub. Janina berichtet über Terminstreß als Redakteurin. Wir müssen mal wieder raus aus dem Arbeitsalltag.
Der Fronturlaub wurde gerade noch genehmigt. Am Mittwochabend treffe ich in Bamberg ein. Die Wohnung ist leer. Die Freundin hat keinen Urlaub bekommen. Die Verluste an der Front sind mittlerweile so stark, dass alle Lazarettschwestern unverzichtbar sind. Ich denke an sie und schalte den Volksempfänger an. Bestimmt muss sie gerade wieder das Radio auf maximale Lautstärke drehen um das Geschrei der Verwundeten zu übertönen oder seit Stunden ohne Pause beim Operieren ohne Betäubungsmittel assistieren. Sie muss das volle Leid des verdammten Kriegs täglich mit ansehen.
Budapester Erinnerungen
In der Abflughalle erscheint der Aufruf zum Boarding des Air Berlin-Flugs nach Budapest. Wir freuen uns auf die schöne Donaumetropole, in der ich während meines Studiums gelebt habe. In einem Anflug von Melancholie berichte ich von den ausgelassenen Wodkaparties mit der Polin Marta und den schönen Erlebnissen mit meiner ukrainischen Freundin Evhenia. Wir schlagen den Reiseführer auf und lesen das Kapitel zum jüdischen Viertel. Ich erzähle vom beeindruckenden Denkmal am Parlament zur Deportation der Juden Budapests.
Die Front kommt Deutschland immer näher, mein Befehl lautet mich auf den Weg nach Budapest zu machen. Meine Einheit soll die dortige SS-Divison im Kampf gegen den Bolschewismus unterstützen. Mit ehrenhaften Soldatentum hat das alles nichts mehr zu tun, Politik spielt im eigenen Handeln längst keine Rolle mehr. Man wartet einfach nur auf das Erleben des nächsten Morgen, halt alle Menschlichkeit und Hoffnungen ausgeblendet. Ein Standartenführer erklärt bei der Lagebesprechung, dass wir im Morgengrauen das jüdische Viertel räumen. Ich Erinnere mich an unsere Taten im Ostfeldzug der vergangenen Jahre. Wo ich in Polen beim Partisanenkampf zu Beginn eine junge Frau namen Marta noch in den Wald entkommen habe lassen, nahm die Verrohung der Sitten im Kriegsverlauf doch deutlich zu. Evhenia, eine Ukrainerin auf der Etappe, ausgerechnet ist musste bei der Erschießung auf die anlegen. Peng.
Wiedersehen
Zwei Nächte konnten wir nicht zusammen in einem Bett schlafen. Ein Seminar “Digitales Marketing 2013″ in Berlin war schuld. Die An- und Abreise mit dem ICE war problemlos und das Hotel modern, mit vier Sternen ausgestattet und allem möglichen Komfort. “Schon, dass Du wieder da bis, ich hab Dich vermisst”, kommt es Janina über die Lippen und auch ich freu mich nach drei Tagen Dienstreise wieder in meine soziales Umfeld zurück zu kommen. Wir treffen uns das kommenden Wochenende mit Sanna, Rainer, Steffen und Olli in der Soda Bar. Dort haben wir Spaß wie eh und je, diskutieren notgedrungen laut. Wir lauschen lauter Elektromusik, füllen sechs Gläser und trinken eine Runde Schnaps auf unsere Freundschaft.
Sechs Jahre mag es nun her sein, dass ich Janina das letzte mal gesehen habe. Zehn Jahre seitdem dieser schreckliche Krieg ausgebrochen ist. Gesehen haben wir uns während der Kriegsjahre nur vier oder fünf mal. Das erste mal verspüre ich wieder so etwas wie Gefühl und Freude, nein Hoffnung. Dabei weiß ich nicht ob sie auf mich gewartet hat oder noch am Leben ist. Ich bin ein gebrochener Mann, der aus dem Zugabteil steigt. Ich klingle an der Haustüre und eine ebenso gezeichnete Frau öffnet mir. Sie ist mir fremd und dennoch weiß, ich dass sie es ist. Wir fallen uns in die Arme und zugleich beschleicht mich eine Angst ob ich nach den vielen schrecklichen Erlebnissen noch ein normales Leben führen kann.
Am Wochenende darauf kommt Steffen einbeinig, mit Krücken, in die Stube gehumpelt. Er witzelt verbissen “zum Glück haben sie mein Standbein nicht erwischt”. Wir füllen uns drei Gläser, drei weitere bleiben im Schrank. Eine Runde Schnaps auf unsere nie mehr auftauchenden Freunde Sanna, Rainer und Olli.