Einigkeit und Recht und Freiheit

Rien ne va plus


Dass ein Minister geht oder gehen muss ist heute in dieser Republik nichts mehr besonderes. Zu viele, meist farb- und wirkungslosen Personen, von Persönlichkeiten kann keine Rede sein, hat das Land in den letzten Jahren in ähnlichen Situationen gesehen. Doch heute ist anders, heute ist ein Teil der Zukunftshoffnung der Politik insgesamt in einem immer politikverdrosseneren Land von uns gegangen, als Karl Theodor zu Guttenberg, seines Zeichens Verteidigungsminister a. D. heute mit einer starken Abschlussrede einen Rückzug verkündet hat.

Man kann ihn mögen man kann ich nicht mögen – teils wegen des undankbaren Kriegsamtes, teils wegen Haarpommade, teils wegen der christlich-sozialen Herkunft, teil aus blankem Neid. Doch hat KT in den vergangen Monaten das geschafft, was kaum noch einem Politiker heute gelingt, klares Profil zu zeigen und seinen Job nach besten Wissen und Gewissen zu betreiben. Er hat endlich damit aufgehört den Krieg in Afghanistan, den ein gemeinschaftlicher Bundestag beschlossen hat, als asymmetrische Bedrohungslage zu verniedlichen. Er war endlich bei denen und mit denen, die lange Zeit von allen Politikern aufgrund Prioritätensetzung zugunsten der Heimatfront im Parteiengeplänkel vernachlässigt haben. Seine Truppe, seine Soldaten waren ihm steht das wichtigste und wichtiger als hier in Deutschland Sesselpolitik zu machen. Das war beeindruckend, richtig und wichtig, um auch in der Gesamtbevölkerung für eine neue Sensibilität für dieses Thema zu schaffen.

Man warf ihm vor, dass er TV und Medien genutzt hatte, aber war es nicht das Volk selbst, dass stets ein wenig vom adeligen Glamour eines KT abbekommen wollte? War es nicht endlich wieder ein Hoffnungsträger in der Politik für den man sich wirklich interessierte, während andere nur farblos und fernab jeglicher professionellen Auffassungsgabe ihres Postens mit latent billiger Polemik auf Stimmenfang gingen und sich nur darin hervor taten die Andersdenkenden möglichst brachial nieder zu machen. Hat eine Nation das Recht sich über eine TV-Reportage mit Herrn Kerner und Frau zu Guttenberg im Kriegsgebiet über ein so wichtiges und tragischen Thema zu echauffieren, wenn zugleich eine ganze Nation dem Voyeurismus beim Dschungelcamp mit Rekordeinschaltquoten freien Lauf lässt?

Natürlich ist es wissenschaftlich nicht tragbar und ertragbar, wenn ganze Abschnitte von Arbeiten zur Erreichung eines akademischen Grades als Plagiat überführt wurden. Die Tat alleine konnte auch nur mit der Aberkennung der Doktorwürde getadelt werden. Hätte es die deutsche Politik nicht dabei belassen müssen und sich statt dessen so unzähligen wichtigen und brennendes Themen dieses Land mit aller Kraft und Energie widmen müssen, als allerorts und überall zu einer Inquisition anno 2011 aufzurufen. Es ist für mich untragbar und nicht ertragbar, welche Moral und welches Abbild große Teile unserer politischen und wissenschaftlichen Eliten hierbei abgegeben haben.

So hatte KT am Ende recht, wenn er es für unerträglich hält, dass ganz Deutschland über eine so unwichtige Sache wie den Doktortitel einer Einzelperson berichtet und drei Gefallene Bundeswehrsoldaten hierbei in der öffentlichen Darstellung absolut keine Rolle mehr spielen, drei Menschenleben, die unsere Volksvertreter gemeinsam in einen Kriegseinsatz entsandt haben. Rien ne va plus.

(Foto: ap via taz)

Auf Integration gepfiffen


Das große Thema in der innerdeutschen Politik dieser Tage heißt Integration. Tag auf, tag ab werden quer über alle Mediengattungen hinweg von führenden Köpfen dieses Landes mehr oder minder schlaue Aussagen dazu und Reaktionen darauf verbreitet. Zu gerne berichten Poilitker, dass in Deutschland die Integration bestens lauf. Der Bundespräsident bezeichnet den Islam sogar als festen Teil Deutschlands. Doch wer am Freitag das Fußballländerspiel Deutschland – Türkei verfolgt hat, der musste mit Erschrecken feststellen, wie extrem der Wir- und der Ihr-Gedanke, der der in Deutschland lebenden Türken gelebt wird. Unser (ich spreche hier für Deutschland und die Türkei) Ballkünster Mehmet Özil ist einer, der die Integration geschafft hat. Als Kind türkischer Eltern ist der Mittelfeldspieler in Deutschland aufgewachsen und jetzt stolzer Träger des Bundesadlers auf der Brust. Sein Würzeln vom Bosporus hat er dabei nicht  vergessen, dennoch wurde er von den türkischen Zuschauern, die zum Großteil auch noch geborene Berliner waren, gnadenlos ausgepfiffen. Dies zeigt  sinnbildlich wie weit es vielerorts und in vielen Köpfen mit dem Integrationswillen ist. Auf Integration ist gepfiffen!