beko bbl semester awards

Unterm Strich wirkt’s manchmal recht nütern


Leicht fällt es mir nicht, die Ereignisse der vergangenen Tage und Woche zu sortieren und einen objektiven Maßstab an den Tag zu legen. Einen objektiven Maßstab, den viele Meinungen rund um den Status Quo der Brose Baskets in Bamberg sträfliche vermissen lassen. Vielmehr zeigen sich Parallelen zu den Bürgerkriegsartigen Zuständen in der Urkraine, nur dass sich in Franken auf die Waffengattung „Wort“ beschränkt wird. Eine Spaltung der Fangemeinde scheint unausweichlich. Entweder Du stehts auf der Seite des mächtigen Clubeigners Michael Stoschek oder eben auf der Seite von Wolfgang Heyder und Chris Fleming.

Dabei war es auch die kontraproduktive Kommunikationspolitik des Aufsichtsrats, die zu Eskalation beitrugen. Der Erfolgsunternehmer musste lernen, dass die emotionale Anhängerschaft mit anderen Botschaften zu adressieren ist, als es in einem B2B-Umfeld mit Managern und Fachpresse üblich sind. Dennoch geht die Michael Stoschek entgegen gebrauchte Kritik bisweilen zu heftig unter die Gürtellinie. Zurecht fordert er mehr Respekt für seine Leistung seit vielen Jahren für die Brose Baskets ein.

Eine gemäßigte Mitte, zu der ich mich zähle, geht im Wortgefecht der polarisierenden Meinungen fast unter. Es folgt der Versuch die vorgetragenen Entscheidungskriterien von Michael Stoschek zu reflektieren und die Entscheidung, die ihm als verantwortlicher Eigentümer zusteht, auch so zu akzeptieren.

Ziele verfehlt

„Die Ziele und die Realität waren in dieser Saison weiter auseinander als je zuvor. Die gesamte Leistung war im Vergleich zu dem Aufwand, den wir treiben, noch nie so schlecht.“ Michael Stoschek

Auf den ersten Blick es hieran keinen Zweifel zu geben und auch beim zweiten und dritten werden die Diskrepanzen zwischen Anspruch und Realität mehr als deutlich:

  • 2009/10: Deutscher Meister und Pokalsieger, Eurocup Last 16 2S/4N
  • 2010/11: Deutscher Meister und Pokalsieger, Euroleague Vorrunde 4S/6N
  • 2011/12: Deutscher Meister und Pokalsieger, Euroleague Vorrunde 3S/7N
  • 2012/13: Deutscher Meister, Pokal Viertelfinale, Euroleague Top 16 3S/21N
  • 2013/14: Play-Off Viertelfinale, Pokal Halbfinale, Euroleague Vorrunde 3S/7N, Eurocup Last32 S3/3N

Um eine gerechte Wertung abzugeben, müssen die Saisonziele betrachtet werden, die von offizieller Seite wie folgt formuliert wurden:

Kontinuität in den Ligen. Also Meisterschaft (wenn auch nicht zwingend Erster) und Euroleague (möglichst das Erreichen der TOP 8). wbeyersdorf.de unter Berufung auf Wolfgang Heyder

„Das Ziel muss aus meiner Sicht sein, auf jeden Fall ins Halbfinale zu kommen, möglichst ins Endspiel.“Wolfgang Heyder (nach dem Euroleague-Aus)

Der Interpretationsspielraum ist hier gering. Am Ende muss klar attestiert werden, dass alle sportlichen Ziele klar verfehlt wurden, auch wenn Wolfgang Heyder klar betont, der der Titel kein Automatismus sein kann. Sofern ist der Aussage von Michael Stoschek kaum etwas hinzu zu fügen. Sie ist sachlich korrekt. Selbst die spielerische Leistung auf dem Feld bliebt hinter den Erwartungen zurück. Von einem Desaster zu sprechen, ist jedoch übertrieben. In der Euroleague waren individuelle Fehler für zwei entscheidende Niederlagen verantwortlich, im Spiel um Platz 1 sowie in der Playoffs Serie gegen die Artland Dragons bei den knappen Heimspielen ebenso. Wären in jeweils einer Spielszene jeweils anderen Entscheidungen getroffen worden, dann wäre Bamberg im Top16 gestanden und würde jetzt mit ALBA Berlin um den Einzug in das Beko BBL Finale kämpfen. Ob man dies Chris Fleming anlasten kann, darf durchaus kontrovers diskutiert werden.

Spieler entwickelten sich nicht weiter

Julius Jenkins und Jared Jordan wurden als prominente Beispiele gebraucht, um eine negative Entwicklung zu attestieren. Natürlich kommt einem er ehemaliger Bonner Spielmacher sofort in den Sinn. Große Erwartungen waren an den vermeintlichen Königstransfer verknüpft. Er sollte endlich die ordnende Hand sein und als letzten Puzzleteil den Erfolg bringen. Eine neue Rolle, der späte Saisonzeitpunkt und die promte Verletzungpause machten dem Floor General das Leben schwer. An seine Glanztaten in Bonn, konnte Jordan in Franken nicht anknüpfen.

Effektivitätswerte Beko BBL

Jared Jordan: 16.4 (2013/14 in Bonn) > 10.8 (2014 in Bamberg)
Julius Jenkins: 12.1 (201/11) in Berlin) > 7.7 (2011/12 in Bamberg) > 11.0 (2012/13 in Oldenburg)

Anton Gavel:  14.3 (2012/13) > 12.2 (2013/14)
Maik Zirbes:  11.2 (2012/13) > 9.4 (2013/14)
Philipp Neumann: 7.3  (2012/13) > 6.0  (2013/14)
Karsten Tadda: 4.1 (2012/13) > 2.9 (2013/14)
Sharrod Ford: 13.8 (2012/13) > 10.3 (2013/14)

Alle U30-Stammspieler (Casey Jacobsen und John Goldsberry bleiben bewusst unberücksichtigt), haben in dieser Saison einen klaren Abwärtstrend zu verzeichnen. Auch die jungen Nationalspieler, von denen eigentlich erwartet werden konnte, dass sie einen Schritt nach vorne machen anstatt zu stagnieren. Die eigene Verantwortung der Spieler bei einer solchen Entwicklung darf jedoch nicht außer Acht gelassen werden. Nicht in jedem Falle ist ausschließlich der Headcoach dafür verantwortlich zu machen. Zu häufig sind es auch persönliche Befindlichkeiten der Spieler oder ein neues Teamgefüge und eine andere Rolle, welches in die Einzelbetrachtung einbezogen werden muss.

Viele Nachverpflichtungen

Die Fluktuation in den beiden letzten Kadern war überdurchschnittlich. An das Märchen der Kostenneutralität, die immer wieder kolportiert wurde, ist nur schwer die glauben. Zumindest Matt Walsh und Jared Jordan haben ordentlich Ablösesumme gekostet, dabei mag es Ironie des Schicksals sein, dass sie in Bamberg wegen Verletzungen nicht richtig zur Entfaltung kamen. Die beiden besagten Amerikaner sowie ihre teils prominenten Kameraden gehörten ob ihrer Vita allesamt nicht unbedingt zur Kategorie „Sonderschnäppchen“. Dabei war der Kader zu Saison 2013/14 wirklich durchdacht zusammengestellt. Leider hat er sich auf dem Platz nur nie gefunden.

Nachverpflichtungen während der Saison

Saison 2010/11: 1
Saison 2011/12: 0
Saison 2012/13: 4
Saison 2013/14: 4

In der Tat ist es auffällig, dass sowohl in der vorletzten, wie auch in der vergangenen Saison viele Wechsel im Spielerkader waren. Während vergangene Saison die Nachkäufe noch in einem Titel resultierten (am Ende stand davon nur Alex Renfroe im Kader), war die Bilanz zuletzt trotz der teilweise etablierten Qualitätsspieler mau. Gerade zuletzt hat Bamberg eigentlich gut nachverpflichtet. Die tragische Verletzungshistorie von Novica Velickovic und die Ablehnung der Führungsspielerrolle von Zack Wright machten Handeln notwendig. D’Or Fischer erwies sich als goldrichtiger Zugang und auch Nationalspieler Elias Harris sowie Spielmacher-Crack Jared Jordan erschienen als „No-Brainer“. Ein wichtiger zweiter und dritter Führungsspieler in der jungen Mannschaft neben Anton Gavel war dennoch nicht im Kader präsent.

Probleme gegen schwächere Teams

Er hat bei uns ein Aufsteiger noch nicht einmal Respekt, der gegen uns spielt. – Michael Stoschek

Die Liga ist ausgeglichener geworden, dennoch missfiel es Michael Stoschek, dass sich die Brose Baskets immer wieder gegen die schwächeren Team schwer taten. Gefühlt würde ich ihm recht geben, doch es lohnt ein Blick auf die Zahlen. Im Schnitt wurden die Spiele gegen die fünf schwächsten Teams mit respektablen 13,9 Punkten Unterschied gewonnen. Eine Zahl, die auch in der Höhe durchaus legitim ist und einen Qualitätsunterschied vermuten lässt. Verzerrt wird die Statistik aber ein wenig durch den Kantersieg gegen die S.Oliver Baskets beim Jared Jordan Debüt mit sage und schreibe +38 Differenz. Ganze sechs Partien gingen am Ende mit sechs oder weniger Punkten an die Brose Baskets, verloren haben sie dafür keine einziges der insgesamt zehn Spiele.

Siege-/Niederlagen-Bilanz:

Insgesamt: 31 Siege / 11 Niederlagen
Playoff-Halbfinalisten: 6 Siege / 10 Niederlagen
Last5-Teams: 10 Siege / 0 Niederlagen

Gegen die vier Halbfinalisten sieht es anders aus. Hier ist die Bilanz (Ligaspiele, Pokal, Playoffs) klar negativ. Sechs Siege gegen die Artland Dragons, den FC Bayern München, ALBA Berlin und den EWE Baskets Oldenburg stehen zehn Niederlagen gegenüber. Dabei war vor allem die Ausbeute ab der Halbserie bei nur noch zwei Siegen und sieben Niederlagen gegen das Quartett schon ein Fingerzeig zur Wettbewerbsfähigkeit.

Sportlich nachvollziehbare Trainerentscheidung

Unterm Strich kann man die Entscheidung sportlich wohl nachvollziehen – frei von jeglicher Sympathie oder eigenen Loyalitätsvorstellungen. Die sportlichen Ziele wurden verfehlt, die Attraktivität des gezeigten Sports lies häufig zu wünschen übrig und die Entwicklung als Kollektiv sowie individueller Spieler war am Ende negativ. Der Zyklus ist am Ende und der Kredit an Vertrauen in Chris Fleming, für den Beginn einen neuen erfolgreichen Abschnitts, war bei dem Entscheidungsträger verbraucht. Somit musste es zweifellos zu einer klaren Trennung kommen, auch damit der Trainer nicht von Beginn an unter Dauerfeuer steht. Mit dem Namen Fleming bleibt ein Rekord für die Ewigkeit in der Bamberger Basketballhistorie: 7 Titel sind eine grandiose Bilanz die bleiben wird.

Heyder wird fehlen

Noch bedeutender ist der Rückzug des Architekten der Basketballerfolggeschichte, Wolfgang Heyder. Für die Stelle des sportlichen Leiters konnte man sich keinen Besseren vorstellen: Workaholic, Experte, Nachwuchsförderer, Lospolterer, Bamberger Original, Herzblutopferer. Freiwillig heißt es, aber ebenso, dass es deutliche Differenzen zwischen ihm und dem Inhaber zur sportlichen Analyse und Ausrichtung gegeben hat. Zwei Alphatiere in einem Gehege geht selten gut. Umso konsequenter ist der Schritt des ehemaligen Managers, bevor er einem ständigen Kampf ausgesetzt ist, den er nicht gewinnen kann. Ein Denkmal gehört ihm gesetzt. Dort im Mittelgang zu den Gästekabinen. In der typischen Wolle-Pose mit grimmig-zusammengezogenen Augenbrauen und der abwinkenden Gesten, wenn er sich über eine Entscheidung auf dem Feld ärgerte. Er wird fehlen, sportlich und als Kultfigur am Rande.

Lieferverpflichtung

Welche Köpfe denen neuen Zyklus beginnen sollen wird spannend. Wolfgang Heyder hatte einen Plan, Michael Stoschek hat einen anderen. Letzterer ist nun am Zug. Jede Verpflichtung wird nun mit Argusaugen beobachtet werden. Letztendlich darf jetzt derjenige liefern, der das – in genau diesem Wortlaut – mehr als einmal von seinem sportlichen Führungspersonal eingefordert hat. Statt auf kleine Brötchen gut zu finden, schätze ich den Brose-Magnaten eher in der Kategorie „think big“. Ich harre der Dinge und blicke mit einer gewissen Vorfreude auf das Kommende.

Euer Kosmonaut

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