Der neue Spielmacher Brad Wanamaker leitet den Angriff.

Basketball vom Italiener


Gestern hat im Bamberger Basketball die neue Zeitrechnung auch offiziell begonnen. Das runderneuerte Brose-Team hat knapp und glücklich 83:82 gegen frech aufspielende Bremerhavener Eisbären gewonnen. Nach vier Jahren Systembasketball unter der Herrschaft des großartigen Chris Fleming, haben die 6.800 Zuschauer in der Arena ein echtes Kontrastprogramm serviert bekommen.

Neuer Spielstil im Angriff

Der neue italienische Chefcoach Andrea Trinchieri lässt es auf dem Feld vermeintlich lockerer angehen, mit südländischer Gelassenheit. Dabei bedeutet das keineswegs die Akzeptanz von mangelnder Disziplin, vielmehr lässt der seinen Spieler mehr Raum zu eigenen Entscheidungen in einem funktionalen Rahmen. Die richtigen Spielertypen für diese Interpretation hat er auf jeden Fall um sich versammelt. Brad Wanamaker, Carlon Brown und Ryan Thompson und Trevor Mbakwe vereinen viel „NBA-Style“ in ihrer Spielweise und suchen ihren Vorteil immer wieder in Eins-gegen-eins oder Eins-gegen-viele-Situationen.
Für den treuen Bamberger Zuschauer mochte das Spiel phasenweise etwas wild wirken. Unterstrichen wurde dieser Eindruck auch, weil gute Wurfsituationen ungenutzt blieben. Ein ums andere Mal tänzelte der Ball am Ring und hat es sich doch noch anders überlegt. Auch fanden so manche Pässe das Ziel noch nicht, weil ein gewisse Konfusion bei Laufwegen und Positionen deutlich zu beobachten war. Dies mag weniger mangelnden Könnens, als vielmehr präsenter Nervosität im jungen Team geschuldet sein. Ein grauer Leitwolf, wie es Sven Schultze als Eisbär war, hätte dem Team gestern gut getan.

Der neue Spielmacher Brad Wanamaker leitet den Angriff.
Der neue Spielmacher Brad Wanamaker leitet den Angriff.

Emmentaler-Defensive

In der Verteidigung war die neue Taktikmaßgabe auch für Laien offensichtlich. Mit zwei Spielern wurde der ballführende Gegenspieler bereits beim Spielaufbau in Empfang genommen. Diese Variante riss natürlich Lücken, die gestern noch nicht zufriedenstellend nach rotiert wurden. So kamen die Gäste mehr als einmal zu einfach Körben am Brett oder fanden den freien Mann an der Dreierlinie. Mit steigender Pflichtspielroutine wird die Rotationen sicherlich sattelfester werden. Bei der individuellen Bereitschaft einiger Akteure ihren Mann vor sich zu halten, muss Trinchieri hingegen noch den ein oder anderen Profi in die Kur nehmen. Vor allem gegen Carlon Brown wäre selbst für den Wischerjungen der Zug zum Korb ein Kinderspiel gewesen, was auch dem Italiener an der Linie sichtlich und lautstark hörbar missfiel. Überhaupt scheint der neue Zampano an der Linie den Oberfranken zu gefallen, der Hobbykoch und Pilzsucher in heimischen Wäldern wurde mit viel Applaus gefeiert.

Big Points durch die Balten

Zweimal war Bamberg bereits mit elf Punkten im Hintertreffen. Aber im Gegensatz zu den letzten Auftritten in der Brose Arena ergab sich die Mannschaft nicht in ihr Schicksal, sondern kämpfte sich erfolgreich ran. Die Moral stimmt, auch wenn die unerfahrenen Spieler manchmal Arg mit den Umstandselementen aus eigenem Wurfpech, gegnerischem Wurfglück und diskutablen Schiedsrichterentscheidungen zu hadern schienen. Da tat es gut, dass Kapitän Brad Wanamaker in den entscheidenden Situationen das Heft in die Hand nahm und die erfahrenen Balten Janis Stelnieks und Mindaugas Katelynas Verantwortung übernahmen und Distanzwürfe zur rechten Zeit verwandelten. Symptomatisch fielen die Big Points auch nah guten Pässen und eben nicht in Eins-gegen-ein-Situationen. Dies dürfe eine der Hauptaufgaben sein, an denen das Trainerteam arbeiten muss: Die Scorer im Team vom Extrapass überzeugen ohne ihnen jedoch ihrem Basketballinstinkt zu berauben.

Typen sind vorhanden, Geduld ist gefragt

Unterm Strich hat die Vorstellung gestern durchaus Lust auf mehr gemacht. Die Situation ist für den Fan jedoch eine neue, bisher gab es immer Konstanten bei den Führungsspielern wie John Goldsberry, Anton Gavel oder Casey Jacobsen, die quasi eine Garantie dafür waren, dass die die neuen schnell in einem bestehenden Erfolgskorset zurecht fanden. Jetzt muss sich diese Hierarchie in der unerfahrenen aber hochtalentierten Mannschaft erst komplett neu finden. Das wird eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen und auch Rückschläge wird es geben. Geduld wird eine Tugend sein, die Bamberg aufbringen muss, um diese Saison mit einem guten Gefühl zu bestreiten. Von Millionen von Fehlern sprach Andrea Trinchieri gestern nach dem Spiel und kaum jemand wollte ihm widersprechen. Typen, dass der Funke überspringt gibt es reichlich. Sei es der kautzige Chefcoach, der sein Herz auf der Zunge trägt, der extrovertierte Ryan Thompson mit seinen Powergesten, der jeden Ball hinter her hechtenden Trevor Mbakwe oder die Balten, die in Bamberg seit Uvis Helmanis oder Gert Kullamae eh einen Stein im Brett haben. Nach all dem Hick-Hack in der Saisonpause war die Halle gestern wieder voll und auch die Stimmung neugierig-heiter. So darf es weitergehen.

2 Kommentare zu „Basketball vom Italiener

  1. Bremerhaven sollte bei den gezeigten Leistungen sicherlich nicht unterschätzt werden. Aber mit dem Kommentar: So darf es weitergehen ..wäre ich vorsichtig. Wie meinte doch Brad Wanamaker:
    It was ugly !! Dem ist nicht viel hinzuzufügen.

  2. Nun ja, das „weiter so“ impliziert natürlich eine massive Lernkurve, die mir dem Talent dieser Mannschaft angemessen erscheint. Das Niveau darf natürlich nicht auf dem „Premieren-Level“ bleiben.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s