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Reisebericht: Flandern und Zeeland mit dem Hund


Nahezu jeden Sommer verbrachte ich mit Mama und Papa an der Nordseeküste in Holland, genauer gesagt dank der Stellung meines Dads in einem rot-braun geklinkerten Postferiendorf in Cadzand-Bad. Bis heute sind meine Erinnerung an diese Zeit überaus positiv geprägt und wir – meine Freundin Janina und Hund Manolo – beschlossen Anfang Mai, eine kleine Reise an die Ferienorte meiner Kindheit zu unternehmen. Also Google Maps geöffnet und eine ausgewogene Reiseplanung zwischen Erholung an den weiten Ständen in der holländischen Region Zeeland und Kultur in den Städten Flanderns zu Papier gebracht. Ein Plan, der voll auf ging. Es folgt ein kleiner Reisebericht aus unseren persönlichen Erlebnissen und allgemeinen Tipps für potentielle Nachreiser.

 

Antwerpen

Die flämische Boarderline-Metropole Antwerpen, mit ihren gut 500.000 Einwohnern der größte Ort auf unserem Roadtrip machte aufgrund ihrer geographischen Lage den Auftakt unserer Entdeckungsreise. Zu allererst durften wir entdecken, dass der Verkehr wie in jeder großen Stadt immens ist und auf den Straßen das obligatorische Blechchaos gepaart mit Harakiri-Aktionen von Zweiradfahrern herrscht. Die Diamantenstadt wartet als interessanter Schmelztiegel verschiedener Kulturen auf. Direkt neben unserem Hotel (Radisson Blu am Astridplein) kennzeichnete ein riesiges hölzernes Tor mit entsprechenden Schriftzeichen und asiatischen Löwenfiguren den Eingang zu Chinatown, ein paar hundert Meter weiter begann unverkennbar das Viertel der Araber und entgegen gesetzt, hinter dem Bahnhof, das jüdische Quartier, unverkennbar durch die Orthdoxen Juden auf den Gehsteigen. Mittendrin liegt der Zoo und direkt daneben die Central Station. Mit einer beindruckenden Architektur und mit der katedralenhaften Eingangshalle sowie der roten Gleisüberdachung aus Eisen und Glas steht hier sicher einer der beeindruckendsten Bahnhofsbauten weltweit. Die anschließende lange Promenade findet am Rande der Altstadt ihr Ende.

Dort waret die typische Architektur Flanderns mit reich verzierten Bürgerhäusern und den Gassen um die Liebfrauenkathedrale und ihrem markanten, 123 m hohen Nordturm. An den Plätzen im Viertel kann man sich getrost einige Zeit in einer  Straßengastronomie mit Freischankflächen niederlassen und eines der vielen belgischen Biere kosten, z. B. ein „De Koninck“ aus einer Stadtbrauerei Antwerpens.  Weiter Richtung Norden liegt am Uferweg mit der kleinen Burg „Het Steen“ nicht nur das älteste Gebäude der Stadt, sondern im maritimen Umfeld am Willemdok auch das MAS | Museum aan de Stroom mit seiner modernen Architektur. Vor obersten Stockwerk hat der Besucher einen tollen Blick auf die Altstadt und Richtung Containerhafen. Keine fünf Minuten weiter Richtung Norden gibt’s im ehemaligen Hafenviertel „Eilandje“ einen weiteren interessanten Ort zur Schiffahrtsgeschichte, das Red Star Line Museum. Weil wir unseren Hund, aber schlecht an einem der Hafenkais anbinden konnten, blieb es bei der Außenbetrachtung der beiden Sehenwürdigkeiten.

 

Domburg

Nach der Hektik der Großstadt, ging es unserem Reiseplan die kommenden Tag ein wenig beschaulicher zu. Knapp eineinhalb Autostunden später wartete die an der Nordspitze der holländischen Halbinsel Walcheren mit stürmischen Wetter auf uns. Der älteste Badeort Walcherens, Domburg,  war die ideale Ausgangsstation für unsere Erkundungen. Kilometerlange Stände , weite Dünenlandschaften und ein gewisser unkompliziert-lockerer Urlaubflair in der Luft locken vor allem Deutsche und Niederländer an den Seebadeort.

Die prächtigen Strandvillen, in denen bereits Kaiserin Sissi ihre Sommerfrische genossen hat, bieten im Rücken des Sandstrand eine herrliche Meerkulisse. Unser Strandhotel „Duinheuvel“ war nur ein paar Schritt vom Strand entfernt und wenige paar hundert Meter links und rechts gab es ausgewiesene Hundestände für unseren Jack Russel Terrier Manolo, zu denen wir problemlos auf dem Dünenweg kamen und dabei die herrliche Aussicht genossen. Unser Wöffi wurde bei den langen Strandspaziergängen also nach Herzenslust ausgespielt und sich könnte sich mutig in die Wellen stürzen, um seinen gelben Tennisball zu retten. Generell ist ein Hund dort fast überall willkommen, das machte den Hundeurlaub sehr einfach und unkompliziert – im Hotel gab es sogar eine extra Hundedecke, die wir behalten durften. Super Service.

 

Westkapelle

Eigentlich wollten wir am Rückweg von einem Ausflug nur durch den Ort mit dem weithin sichtbaren Backsteinleuchtturm fahren, doch dann entdeckte ich aus dem Augenwinkel etwas seltsam anmutendes oben am Deich. Da stand ein Panzer und das der grüne Stahl glänzte in der Abendsonne. Also aus steigen und hoch laufen. Ein ein alter Sherman M4 Tank steht inmitten einer kleinen Gedenkstädte mit Fotos und Informationstafeln zur Invasion der US-Amerikaner im Jahr 1944. Am Deichfuß finden sich noch ein Landungsboot und eine schwer gezeichnete Abwehrkanone – übrigens in friedlicher Koexistenz direkt neben einem kleinen Kinderland.

Überhaupt fällt auf, dass sich die Orte in Zeeland sehr auf die Bedürfnisse von Familien eingestellt haben. Neben tollen Ferienhäusern gibt es immer wieder Einrichtungen, die einer Biergartenanlage mit angeschlossenen Minifreizeitpark gleichen.  Links springen die Kids auf riesigen Tampolins springen oder fetzen in kleinen Autos über präparierte Pisten – rechts gönnen sich die Eltern sich ein Bierchen und etwas Ruhe vom Nachwuchshüten. Eine echte Win-Win-Situation, selbst wenn es nur Heinecken gibt.

 

Vlissingen

Schon als Kind habe ich Vlissingen geliebt und das hatte nur einen Grund: Schiffe! Der Ort selbst ist keine Schönheit, wenn auch mit ein paar schönen Ecken gesegnet, die wirklich Attraktion ist die Scheldemündung. Durch die knapp zwei Kilometer müssen alle dicken Pötte, die entweder den zweitgrößten Hafen Europas in Antwerpen ansteuern oder von dort ihre Reise auf die Weltmeere antreten. Fast im Minutentakt laufen die rasanten Lotsenbote aus, gehen bei und weisen den Tankern, Frachtern und Containerriesen ihren Weg durch die Engstellt. Da gibt es für Jungs und Männer viel zu schauen und die Schiffe wirken fast zu greifen nah, wenn sie sich ihren Weg durch die Wellen bahnen.

An der Küstenlinie entlang gibt es einige Überbleibsel des Atlantikwalls am so genannten „Uncle Beach“ Invasionsstrand zu entdecken: Gut erhaltene Bunkeranlagen, ein kleines Kommando-U-Boot hinter Glas und etliche Gedenktafeln zieren den Uferweg bis zu einer herrlich am Meer gelegenen Windmühle. Wind gibt es dort auf jeden Fall genug.

 

Middelburg

Städtbaulich deutlich schöner geht es in Middelburg zu, dort gefiel es uns eigentlich mit am besten, weil die Stadt einen schönen Mix an Postkartenidyllen anbot ohne dabei zu touritisch oder überlaufen zu wirken.  Im 17. Jahrhundert war das Zentrum Walcherens nach Amsterdam die zweitreichste Stadt der Niederlande. Die vielen herausgeputzen Häuser und Bauwerke sind eindrucksvoller Beleg dieser Epoche. Zwar wurde die kleine Stadt im zweiten Weltkrieg nahezu komplett den Erdboden gleich gemacht, aber schnell wieder originalegetreu aufgebaut.

So kann man wunderbar durch die kleinen Einkaufstraßen bummeln und eindrucksvolle historische Gebäude finden: Das spätgotische Stadthaus mit 25 Grafen Flanderns an der Fassade, den Langen Jan mit der bunten Turmspitze oder die Abtei aus rotem Klinkersteinen aus dem 11. Jahrhundert. Dabei lohnt es sich durchaus auch etwas Abseits durch die Gassen oder an den Kanälen entlang zu spazieren und die bunt lackierten Haustüren zu bestaunen.

 

Cadzand-Bad

Vis à vis der Schelde ging es weiter durch die Region Zeeuws-Vlaanderen. Im Hotel „Nordzee“ in Cadzand-Bad nahem wir Quartier für für die Erkundungen im Holländischen-Belgischen Grenzgebiet ein. Ganz so beschaulich wie vor 25 Jahren geht es aber nicht mehr zu, Etliche neue Appartsments sind küstennah entstand und gerade wird mit Hochdruck an einem Yachthafen gebaut, der sicherlich noch mehr Urlauber in den Ort spühlt. Es gibt aber immer noch ein paar unveränderte Örtchen: Das Postferiendorf liegt mit dem gleichen einfachen Charme am Kanal und in der Ortsmitte gibt es noch die gleiche Eisdiele. Das Beste daran, meine Dreikäsehoch-Stammbestellung aus „2 Bollen“ Vanille und Straciatella schmeckte noch ganz genau so wie damals – ein Geschmack den ich über all die Jahre nicht vergessen hatte. Lecker!

Hier war es mit dem Hund noch unkomplizierter, ja geradezu ein kleines Paradies für Vierbeiner und Hundehalter. An allen Ständen sind Hunde ganztägig erwünscht, mit der Bitte die Vierbeiner im Hochbetrieb zu gewissen Zeiten an der Leine zu halten. Eine Einladung, die viele dankbar annehmen und dementsprechend tierisch geht es am Strand zu. Der Strandbereich ist auch in Cadzand-Bad wahnsinnig schön und man kann durch den Sand barfuß an der Wasserlinie entlang des Naturgebiets „Het Zwin„, ein paar Kilomenter hinüber ins bekannte belgische Seebad Knokke spazieren. Dort läd die lange Strandpromenade zum flanieren ein und unzählige Geschäfte, teils mit Luxuswaren, laden zum bummeln ein. Auch Autoliebhaber kommen beim Blick auf die Straßen auf ihren Kosten.

Wer Geduld mitbringt, der kann bei Ebbe im Sand nach millionen Jahre alten Haifischzähnen suchen. Ein paar dieser schwarzen Exemplare fristen aus den Kindheitsurlauben immer noch ihr Dasein in einem Glas mit Schraubverschluss. Kaum weniger Geduld wird an den vielen Fahrradverleihen verlange, zumindest wenn der Vogel keiner der frühen Sorte ist. Die Erkundung der schönen Polderlandschaften mit dem Drahtesel ist eine beliebte Urlaubsaktivität. Mitterweile ist dank E-Bike-Vermietung sogar der gemeine Gegenwind im flachen Land nicht mehr so kräftezehrend und spaßbremsend. Praktisch, es gibt auch Hundeanhänger zum Rad dazu.

 

Sluis und Damme

Ein paar Kilometer vor Cadzand entfernt, läd die alten Festungsstadt Sluis mit einem beschaulichem Kleinstadtflair zum Besuch ein. Im Zentrum steht der einzigste Belfried der Niederlande, unweit entfernt kleine Kanäle und eine herrliche Windmühle. Uns hat das Flair sehr gefallen und so waren wir gleich mehrmals im „Kaai 10“ an den lauen Frühlingsabenden Essen und haben unsere Tage auf angenehme Weise ausklingen lassen. Mein Dad hat damals bei einem steinalten Fahrradhändler immer Brooks-Ledersättel für das Rad gekauft und für die Bekannt- und Verwandtschaft nach Franken importiert. Heute ist in dem kleinen Laden wohl ein Restaurant, davon gibt es nämlich reichlich.

Noch liebevoller liegt Damme am malerischen Kanal nach Brügge. An dessen Ufern lag immer noch der gleiche Raddampfer wie vor 25 Jahren vertaut. Die mittelalterliche Kleinstadt mit ihrer mächtigen Liebfrauen-Kirchenruine und den vielen authentischen Häusern kommt scheinbar unberührt daher und eignet sich perfekt für einen kleinen romantischen Abendspaziergang durch die kleinen Gassen und Winkel.

 

Brügge

Wie sehr habe ich mich auf Brügge – die Perle Fladerns gefreut. Und ich wurde nicht enttäuscht. Die bezaubernde Schönheit der mittelalterlichen Stadt bleibt auch rund um den Globus keinem Kulturinteressierten verborgen und so tummelten sich bereits früh in der Saison schiere Menschenmassen durch die engen Pfade an den Klinkerhäusern vorbei. Durchaus anstrengend ist der Kampf mit selbsternannten Selfiestick-Rittern um die besten Fotoposition am Rozenhoedkaai, zum Glück bietet Brügge so viele ideale Fotomotive, die fernab der Hauptrouten auch ein wenig Einsamkeit ermöglichen. Auf den Grachten tuckern alle paar Sekunden kleine, mit Menscheköpfen vollgestopfte Boote vorbei. Auf auf dem alten Plaster muss man gehörig auf der Hut sein, damit man im Rausch des Betrachtens nicht von einem Touristen befördernden Pferdefuhrwerk überrannt wird.

Eine schöne Auszeit vom wuseligen Treiben haben wir in der Brauerei „Halve Maan“ gefunden und im Innenhof ein weiteres belgisches Gebräu gezischt. Danach ging es vorbei am Hauptplatz mit dem mächtigen Belfried in Richtung des Denkmals für den berühmten Maler Jan van Eyck. Dort findet man in den Seitenstraßen auch keine Oasen der Ruhe.  Im Vero Caffé (Tipp bei VOPUS – the vegan site of life) fanden wir einen guten Esspresso und eins leckeres Kuchenstück in Mitten 60iger Jahre Retrointerieur und Menschen, die am Zeichenblock skizzen anfertigten oder in ihr MacBook versunken waren. Ansonsten gibt es wenig Chancen sich dem touristischen Treiben zu entziehen, zu verlockend präsentieren sich die Sehenwürdigkeiten: Vorbei an duzenden Schokoladenläden mit feinsten belgischen Pralinen, durch die Altstadt an der mächtigen Liebfrauenkirche vorbei, durch den – per Verordnung recht ruhigen . Beginenhof zum Minnewater. Zeit zum Durchatmen oder zum resignieren. Irgendwann muss jeder Tourist dann auch den Mut haben den „Cut“ zu machen und mit vielen tollen Eindrücken der Stadt den Rücken kehren. Am Bahnhof könnte wur übrigens mit dem PKW für den Spotpreis von lediglich 3,50 € für unseren gesamten Aufenthalt parken. Von dort waren wir auch in wenigen Minuten direkt im Stadtzentrum und einige Sehenswürdigkeiten liegen auch auf dem Weg. Top!

 

Gent

Wem Brügge gut gefällt, der wird sich auch in Gent wohl fühlen. Beide Orte streiten sich wahrscheinlich um den Titel „schönste Stadt Belgiens“, aber das liegt letztendlich auch im Sinne des Betrachters. Gent präsentiert sind insgesamt etwas weiter und man glaubt zu spühren, dass es ein paar Kilometer mehr sind, die zwischen der Stadt und der Nordsee liefen. Gewässer in Grachten mit Booten gibt es auch hier, aber weniger pittoresk, dafür breiter und größer.

Weniger verwinkelt, dafür geradliniger und offener wirkt das Zentrum, das von etlichen massiven Kathedralen und Türmen geprägt ist. Vom richtigen Standpunkt an der St. Michaels Brücke aus, darf der Interessierte die berühmte Genter Turmreihe bewundern. Ein Ansammlung an Himmelsbauten klerikaler und weltlicher Natur -aus denen der örtliche Belfried am Tuchhaus am deutlichsten hervorsticht. Durch das schnuckelige Viertel Patershol geht ein schöner Spaziergang zur mächtigen Grafenburg und anschließend in einem vollendeten Rundgang wieder ins Zentrum zurück. Dort warten ein paar wirklich chice kleine Läden auf Kundschaft, also uns. Wir haben in einem riesigen Designerladen mit mittelalterlichem Gewölbekeller zugeschlagen und uns ein Urlaubsmitbringsel gegönnt. Am und rund um den Korenmarkt war ein großes Food-Truck-Festival in vollem Gange, bei dem es allerhand kulinarische Köstlichkeiten gab. Stilecht und landestypschisch fanden leckere belgische Biofritten den Weg in unseren Magen. Fritten können sie, die Belgier! Dann hat auch irgendwann der Hund gestreikt und uns signalisiert, dass er mit seinen kurzen Beinchen genug vom Sight-Seeing hat.

 

Aktive Erholung nebst Kultur

Unterm Strich, war es ein Urlaub der wirklich Spaß gemacht hat. Am besten nimmt man sich zwischen 8 und 14 Tagen Zeit, das Pensum war innerhalb unserer Woche schon immens. Im Sommer, wenn die tollen Strände auch zum Baden einladen, können es gut und gerne zwei Wochen sein. Für den Vierbeiner gibt es auf jeden Fall genug Möglichkeiten sein Hundeleben zu genießen, Herrchen und Frauchen können derweil selbst auf dem schmalen Grad zwischen Erholung, Aktiv sein – gerade mit dem Fahrrad – und Kultur wandern.

 

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